Der Euroschlüssel – nie wieder vor verschlossenen Türen stehen

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Sobald man das Haus verlässt, tickt die Uhr. Unweigerlich meldet sich irgendwann die letzte Apfelschorle und möchte wieder in die Freiheit entlassen werden. Jetzt muss es unter Umständen sehr schnell gehen. Was für einen Fußgänger schon mit Schwierigkeiten verbunden ist, kann einen Rollstuhlfahrer vor schier unlösbare Herausforderungen stellen: 

Wo ist die nächste öffentliche Toilette?

Die rettende Autobahnraststätte ist noch 5 Kilometer entfernt. Das könnte knapp werden. Noch 10 Meter bis zur rettenden Türklinke der Behindertentoilette. Geschafft! Doch die Tür ist verschlossen. Die Raststätte ist wie ausgestorben. Kein Mensch ist in Sichtweite…

Das muss aber kein Drama werden. Die Lösung? Der sogenannte Euroschlüssel.

Ein Generalschlüssel für 12.000 Schlösser in ganz Europa

Alleine in Deutschland gibt es rund 7,8 Millionen Schwerbehinderte, darunter fast 1,6 Millionen Rollstuhlfahrer (Stand: 2017). Seit 1986 können diejenigen, die auf behindertengerechte Toiletten angewiesen sind, einen Schlüssel erwerben, der mittlerweile in über 12.000 europäische Schließzylinder passt. In Deutschland, Österreich und der Schweiz sind behindertengerechte Anlagen mit diesem einheitlichen Schließsystem nahezu flächendeckend zu finden – Eine echte Erleichterung. 

 Wer einen Euroschlüssel besitzt, kann nun zu jeder Tages- und Nachtzeit eigenständig verschlossene öffentliche Toiletten öffnen. Auf dem Autohof an der A7 auf dem Weg in den Winterurlaub, beim Einkaufsbummel in Essen, in öffentlichen Gebäuden wie Bahnhof und Flughafen oder zwischen zwei Vorlesungen an der Universität – viele verschiedene Türen aber der Schlüssel passt immer. 

Behindertengerechte Toiletten sind oft mit spezieller und hochwertiger Technik ausgestattet, die es vor mutwilliger Beschädigung zu schützen gilt. Da die Besucherzahl begrenzt ist, kann die Sauberkeit und Hygiene darüber hinaus eher aufrecht gehalten werden als bei freizugänglichen Toilettenanlagen. Ist man als blinder Mensch darauf angewiesen seine Umwelt tastend zu erkunden, so ist es nachvollziehbar, dass eine saubere Toilette von noch größerer Bedeutung ist.

Die Möglichkeiten den Schlüssel einzusetzen haben sich mittlerweile erweitert. So können vielerorts auch Treppenlifte, Aufzüge und sogar Verkehrsampeln gesteuert werden.

Wer hat’s erfunden?

Der Darmstädter Verein Club Behinderter und ihrer Freunde, Darmstadt und Umgebung e. V. (CBF) hatte 1986 die Idee für ein grenzüberschreitendes Schließsystem. Gegründet 1971, setzt sich der Verein bis heute für ein barrierefreies Miteinander ein. Menschen mit Behinderung soll es möglich gemacht werden in der Mitte der Gesellschaft ohne Anfeindungen oder Diskriminierung leben zu können. Dabei sollen sie vor allem darin unterstützt und bestärkt werden ihr Leben selbstbestimmt und ohne Einschränkungen zu gestalten.

Es ist erstaunlich, dass ein kleiner regionaler Ortsverein mit einer Idee bundesweit, ja sogar europaweit bekannt wurde. Die Idee war so simpel wie genial: Ein Schlüssel für ganz Europa. Denn in den späten 1980ern gab es zwar schon behindertengerechte Toiletten an z.B. Autobahnraststätten, diese waren aber oft derartig verschmutzt oder sogar zerstört, dass eine Nutzung nur eingeschränkt oder gar nicht mehr möglich war. Das konnte und wollte der CBF nicht einfach so akzeptieren und beschloss gegen diesen Missstand etwas zu unternehmen. Nach Gesprächen mit den damaligen Verantwortlichen der Raststätten-Toiletten dauerte es gerade einmal drei Monate bis alle Behinderten-WCs mit dem neuen einheitlichen Schließzylinder umgerüstet waren – bundesweit. 

Diese geniale Idee verbreitet sich seither in ganz Europa und wird auch heute noch von Darmstadt aus koordiniert. Wortwitz inklusive.

Der Schlüssel für die Schüssel – So bekommt man ihn

Wer die Voraussetzungen erfüllt kommt verhältnismäßig schnell und günstig an einen eigenen Euroschlüssel. Die Kosten belaufen sich zurzeit auf 21 – 26 Euro die nur einmalig anfallen. Der Schlüssel kann dann uneingeschränkt und dauerhaft genutzt werden. 

Wer in seinem Schwerbehindertenausweis aG, B, H, oder BI eingetragen hat, erhält den Schlüssel unabhängig vom Grad der Behinderung. Wer das Merkzeichen G eingetragen hat muss einen Grad der Behinderung von mindestens 70 vorweisen können.

 In der Regel gehören hierzu Personen wie Blinde, Rollstuhlfahrer, Menschen mit chronischen Blasen- und Darmleiden und Multiple Sklerose Erkrankte. Ob Sie zu den berechtigten Personen gehören können Sie beim Verein direkt erfragen.

Unsere mobile behindertengerechte Toilette haben wir dank eines einmaligen Projektes von der Landesvertretung Niedersachsen des BSK e.V. mit dem wir seit Jahren erfolgreich zusammenarbeiten. Beim Bundesverband Selbsthilfe Körperbehinderte e.V. (BSK) kann der Euroschlüssel ebenso bestellt werden. Weitere Informationen finden Sie hier: https://shop.bsk-ev.org/

Eine behindertengerechte Anlage mit Schließzylinder umrüsten

Auch das geht. Öffentliche Einrichtungen oder Unternehmen wie Freizeiteinrichtungen können Ihre sanitären Anlagen ganz einfach für die Nutzung mit einem Euroschlüssel nachrüsten. Der entsprechende Schließzylinder kann bei Martin Dederichs (www.dereuroschluessel.de) geordert und durch hauseigene Handwerker installiert werden.

Der Toilettenführer „Der Locus“

Zum Ende noch eine weitere gute Nachricht. Um eine öffentliche behindertengerechte Toilette mit dem eigenen Euroschlüssel öffnen zu können, ist es von Vorteil, ganz genau zu wissen, wo sich die nächste Anlage befindet. Der CBF vertreibt neben dem Schlüssel auch das Toilettenverzeichnis „der Locus“, welcher für 8 Euro erworben werden kann. Darin sind alle 12.000 Toiletten aufgeführt. Das erleichtert die Suche natürlich sehr.

Der Euroschlüssel – eine wirklich gute Idee.